Und weist damit ein wachsendes BIP auf Wohlfahrtszuwachs in einer Gesellschaft hin?
Diese Frage verneinen Wissenschaftler bereits seit Jahrzehnten – Politik will mit einer konsequenten Antwort darauf aber Frankreichs Präsident Sarkozy betreiben. In einer Pressemeldung vom 15. September 2009 (“Wirtschaftsleistung anders messen”, FAZ) heißt es, “In der ganzen Welt glauben die Bürger, dass man sie anlügt”.
So sei es gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise notwendig, die klassischen Wirtschaftsindikatoren wie das BIP zu modifizieren oder eine neue Berechnungsmethode der Wirtschaftsleistung einzusetzen. So führten z.B. Naturkatastrophen oder Umweltverschmutzung nicht zu einer Minderung des BIP, obwohl Umwelt, Lebewesen und Werte vernichtet werden, sondern vielmehr zu dessen Erhöhung, da Reparaturausgaben entstünden.
Eine zu diesem Zweck bereits 2007 eingesetzte Kommission, u.a. unter Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stieglitz, hat nun den Vorschlag eines “Nettonationalproduktes” als neue Kennzahl vorgeschlagen, die alle Arten von Kapital berücksichtigen soll, die zur Produktion von Waren und Dienstleistungen beitragen. So auch Humankapital, die Qualität der Gesundheitsversorgung und eben auch Umweltkapital, das zur Wertschöpfung erheblich beiträgt. Ebenso sollen Wohlfahrtsaspekte wie die Einkommensverteilung stärker herausgestellt werden.
Der Ökonom Hans Diefenbacher, Professor an der Universität Heidelberg und Beauftragter des Rates der Evang. Kirche in Deutschland für Umweltfragen, beschäftigt sich bereits seit einiger Zeit mit Alternativmaßen, insb. mit dem Index of Sustainable Development (ISEW), dem Index für nachhaltiges Wirtschaften. Zusammen mit Roland Zieschank, Forschungsstelle Umweltpolitik an der FU Berlin, entwickelt er derzeit im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes einen “Nationalen Wohlfahrtsindex” (NWI), der, an dem ISEW orientiert, über die reine Produktion von Gütern hinaus die Einkommensverteilung berücksichtigt, Hausarbeit und ehrenamtliche Arbeit erfasst und die Kosten von ökologischen Schäden und unumkehrbaren Naturverbrauch abzieht. Erste Ergebnisse zur Indexentwicklung sowie zu den weiteren Schritten hin zu einer möglichen Umsetzung zeigt die Dokumentation des ersten Workshops am 22.01.2009 im Bundesumweltministerium.
Dass die Politik sich nun eines Themas annimmt, das in der wissenschaftlichen Fachwelt und in problembewussten alternativen Bewegungen bereits seit Jahrzehnten diskutiert wird, ist einerseits die Erkenntnis, dass sich gesellschaftliche Wertschöpfung unzureichend in Kennzahlen wie dem BIP abbildet und dass sich andererseits das BIP als Maß für die Wohlfahrtsentwicklung einer Gesellschaft ungerechtfertigter Weise festgesetzt hat. Beide Erkenntnisse wurden durch die wachsenden sozialen Unterschiede, durch die Wirtschafts- und Finanzkrise und den Klimawandel mit betrieben und können somit als beginnender Ideologiewandel weg von einem reinen Wachstumsgedanken gewertet werden. Denn eines ist klar: Würde neben dem BIP – oder vielleicht sogar als Alternativmaß anstelle des BIP – ein Wohlfahrtsindex gesetzt, der regelmäßig erhoben würde, dann muss sich Politik in ihrem Handeln auch an ihm orientieren. Denn sie würde an seiner Entwicklung gemessen werden.
Interview mit Prof. Hans Diefenbacher (der freitag, 23.04.2009)
Ansätze auf internationaler politischer Ebene
Begriffslexikon Wirtschaft
25. September 2009
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